Doris Weßels zum KI-Wasserzeichen (Wiarda-Interview)

von ZGKI-Redaktion | August 2026

Artikel Wiarda-Blog August 2026

„Das ist alte Welt": Doris Weßels zum KI-Wasserzeichen

Anthropic versieht Claude-Texte künftig mit einem unsichtbaren Wasserzeichen. Im Interview mit Jan-Martin Wiarda erklärt Prof. Dr. Doris Weßels, warum sie die Maßnahme für untauglich hält und vor einem Klima des Misstrauens warnt.

Am 14. August 2026 ist im Wissenschaftsblog von Jan-Martin Wiarda ein Interview mit unserer wissenschaftlichen Leiterin Prof. Dr. Doris Weßels erschienen. Anlass ist die Ankündigung von Anthropic, Texte des Chatbots Claude im Rahmen des EU-Transparenzkodex mit einem unsichtbaren Wasserzeichen zu markieren.

Weßels' Einschätzung fällt deutlich aus. Die Hoffnung, verlässlich zwischen KI-generierten und rein menschlichen Texten unterscheiden zu können, hält sie für überholt. Wer heute am Rechner schreibt, sei ohnehin von KI-Technologie umgeben, von der Suchmaschine bis zur Übersetzung.

Statt unsere Zeit mit Diskussionen zu KI-Wasserzeichen zu verschwenden, sollten wir sie in lernförderliche Praktiken beim KI-Einsatz investieren. Doris Weßels, Wiarda-Blog

Ihre zentralen Einwände

  • Technisch fragil: Übersetzung, Umschreiben oder eigene Ergänzungen können das Muster zerstören, passende Remover-Tools existieren bereits.
  • Nicht prüfbar: Anthropic hat bisher kein öffentliches Prüfwerkzeug freigegeben, ohne Herstellerschlüssel lässt sich nichts nachweisen.
  • Ungerecht: Wer eigene Texte am Ende nur glätten lässt, trägt ein Wasserzeichen, wer mit einem KI-Entwurf startet und überarbeitet, eher nicht.
  • Pädagogisch schädlich: Hochschullehrende würden zu Detektiven, Lernende unter Generalverdacht gestellt.

Ihr Gegenvorschlag zielt auf die Prüfungspraxis. Bereits 2023 hat Weßels ihr 3-P-Modell vorgestellt: Neben dem Produkt sollen die Präsentation im mündlichen Prüfungsgespräch und die Kompetenz im Prozess stärker gewichtet werden. Für Forschung und Begutachtung sieht sie den KI-Einsatz ohnehin auf dem Weg zum Standard, erkennbar an den neuen DFG-Richtlinien.

Wir müssen aufhören, Lernende unter Generalverdacht zu stellen. Doris Weßels, Wiarda-Blog

Entscheidend werde künftig sein, ob Forschende die Ergebnisse kritisch prüfen, richtig einordnen und Verantwortung für die Qualität ihrer Arbeit übernehmen. Das versteht sie unter AI Leadership. Sie weist zudem darauf hin, dass die Kennzeichnung kein Alleingang von Anthropic ist: Rund 190 Unternehmen haben den EU-Verhaltenskodex unterzeichnet, und der AI Act verlangt lediglich eine maschinenlesbare Kennzeichnung, ohne Wasserzeichen vorzuschreiben.


Das vollständige Interview steht im Wiarda-Blog: „Das ist alte Welt".

Das Interview führte Jan-Martin Wiarda, veröffentlicht am 14. August 2026.