GenAI im Traditionsunternehmen: Machbarkeitsstudie mit PAV

von ZGKI-Redaktion | Februar 2026

Abschluss der Machbarkeitsstudie bei PAV in Lütjensee: das Team von PAV und ZGKI vor dem „PAV 100"-Jubiläumsschriftzug.

Machbarkeitsstudie Change Framework KMU-Transfer

Generative KI als Innovationstreiber: wie ein 100+ Jahre altes Traditionsunternehmen neu denkt

Über Monate haben wir mit unserem Projektpartner PAV explorativ untersucht, wo generative KI in einem gewachsenen Mittelständler wirklich wirkt. Der Weg führte über vier sehr unterschiedliche Use Cases und durch eine Veränderungskultur, die stiller aber tragfähiger war, als viele vermutet hätten.

Eine über 100-jährige Erfolgsgeschichte lässt sich nicht mit schnellen Folien modernisieren. Wer KI in einem solchen Haus einführen will, muss zuerst verstehen, worin die Stabilität liegt, und erst dann, wo sie gewinnbringend ergänzt werden kann. Genau diesen Weg sind wir gemeinsam mit PAV gegangen.

In unserer Machbarkeitsstudie haben wir vom Zukunftslabor Generative KI bei KI.SH mit PAV den Weg von GenAI als Innovationstreiber im Unternehmen explorativ untersucht. Die Studie zeigte beispielhaft, wie sich moderne Veränderungs­kultur und gewachsene Tradition zusammenbringen lassen, und gab uns gleichzeitig die Möglichkeit, unser ZGKI Change Framework an einem realen Fall weiterzuentwickeln.


Der Ausgangspunkt: ehrliche Bestandsaufnahme, klare Priorisierung

Bevor Use Cases in die Umsetzung gehen, müssen sie durch den Filter der Realität. In mehreren Vorbereitungsmeetings haben wir mit dem PAV-Team Themen gesammelt, geclustert und priorisiert: von Fördermittelakquise über Marketing und Prozess­visualisierung bis zu ganz neuen Produktideen. Aus der Gesamtliste entstanden vier Challenges, die in einem Workshop-Tag von gemischten Teams bearbeitet wurden:

Die vier Challenges im Workshop

  • Fördermittelakquise & Ausschreibungen: Ausschreibungen recherchieren, strukturiert zusammenfassen, per KI mit dem eigenen Produktportfolio abgleichen und anschließend die Bewerbung größtenteils KI-gestützt erstellen.
  • Marketing für ein neues Produkt: Zielgruppenanalyse, passende Kanäle, Werbetexte in angepasstem Ton, begleitende Medieninhalte, optional in weitere Sprachen übersetzt.
  • Prozessvisualisierung & -optimierung: Den Status quo im IMS sichtbar machen, KI-gestützt analysieren, Verbesserungsvorschläge ableiten und Prozesse neu strukturieren.
  • Neue Produktentwicklung: Auf Basis des bestehenden Portfolios Ideen generieren, auf Gesetzes­konformität (inkl. SDGs und Lieferkettengesetz) prüfen, Business Model Canvas, und bei Zeit auch den Businessplan.

Das Tooling war bewusst breit aufgestellt: ChatGPT, Claude und MS Copilot für Text und Artefakte, Canva, Adobe Firefly, FLUX, Midjourney und Photoshop für Bildmaterial, Suno für Audio, Runway für Video, NotebookLM und Acrobat-KI für PDF-Arbeit, Gamma für Präsentationen. Der Hintergedanke dabei: zeigen, dass sich die Toolwahl nach dem Use Case richtet, nicht umgekehrt.


Von der Challenge zum Use Case für die Praxis

Die zweite Phase der Machbarkeitsstudie ging über den Workshop-Tag hinaus. Gemeinsam mit dem PAV-Team haben wir den Themenraum weiter strukturiert und in drei Kategorien übersetzt. So sieht Priorisierung aus, wenn man sie ernst nimmt:

Ein klarer Schwerpunkt: Der Use Case Geo-fencing wurde als Schwerpunkt gesetzt. Dafür wurden in einem dedizierten Meeting Zielbild, Methodik für zehn Wochen, Datenquellen und die Rolle von PAV-Card festgezogen.

Produktionsreife Kandidaten zur Weiterverfolgung: Einfache und barrierefreie Sprache, KI-gestütztes SWE, Qualitätssicherung im Dokumenten­management, sowie GEO (Generative Engine Optimization) und Marketing für die Außenpräsentation.

Backlog mit Klärungsbedarf: Personensuche über GenAI bei über 200 Mitarbeitenden, AI-Voice-CRM-Integration, Compliance-Unterstützung und Produktionsplanung auf Basis historischer Werte. Allesamt spannende Felder, aber erst nach Klärung von Datenlage, Integrationstiefe und Schutzbedarf.

Zwei weitere Felder haben wir bewusst als „Unknown Territory" markiert: KI-gestützte Unterstützung von Maschinen und die Optimierung des ERP-Systems. Hier lohnen sich strukturierte Vorstudien, keine schnellen Versprechen.

Nicht jedes Thema ist ein Use Case. Aber jedes Thema verdient eine ehrliche Einordnung. Genau dafür ist das ZGKI Change Framework gemacht. Team ZGKI / KI.SH

Was diese Studie besonders gemacht hat

Eine Organisation, die zuhört. Die Teams von PAV haben früh ihre eigenen Prozesse, Daten und Fragezeichen offengelegt, statt auf fertige Rezepte zu warten. Genau diese Offenheit ist der Unterschied zwischen „wir haben mal KI probiert" und „wir haben KI in unserer Wertschöpfung verankert".

Eine Führung, die Veränderungstempo dosiert. Nicht jede Entscheidung wurde am Workshop-Tag gefällt, und das war gut so. Wer langfristig erfolgreich bleibt, nimmt sich die Zeit, Bewegung und Fortschritt sauber voneinander zu unterscheiden.

Ein ehrlicher Umgang mit Unsicherheit. Fragen zu Compliance, Datenhoheit und Integrationstiefe wurden offen angesprochen und bewusst in den Backlog gehoben, statt sie zu übergehen. Das ist für uns die wichtigste Disziplin im KI-Transfer.


Warum wir Machbarkeitsstudien in dieser Tiefe machen

Im Zukunftslabor Generative KI geht es uns um die Frage, welche KI-Integration in einem konkreten Unternehmen tatsächlich trägt: technisch, organisatorisch und kulturell. Schnelle Demo-Effekte sind dafür zweitrangig. Eine Machbarkeitsstudie wie die mit PAV gibt uns den nötigen Raum, um Use Cases sauber zu priorisieren, Risiken früh zu erkennen und gemeinsam einen tragfähigen Pfad zu bauen.

Ein besonderer Dank gilt Isabel Höftmann-Toebe, Silvia Bühler-Toebe, Dirk Kistenmacher, Thies Schönfeldt und Doris Weßels für die offene Zusammenarbeit sowie Maximilian Behrens und Lasse Bremer für die hervorragende Umsetzung und die gelungene Abschlusspräsentation samt Diskussion.

PAV hat mit dieser Studie gezeigt, wie ein Traditionsunternehmen aktuelle KI-Werkzeuge mit einer stabilen Veränderungskultur zusammenbringen kann. Für uns ist das genau die Art von Geschichte, die wir aus Schleswig-Holstein in die Breite tragen wollen, weil sie Mut macht und Nachahmer:innen verdient.

Sie denken über eine Machbarkeitsstudie oder einen strukturierten Einstieg ins ZGKI Change Framework für das eigene Haus nach? Wir freuen uns auf das Gespräch.

Event Pilotformat November 2025

70+ Menschen, 23 Agenten, vier Stunden: der erste OPEN AGENTATHON

Am 17. November 2025 hat das Zukunftslabor Generative KI gemeinsam mit dem Lausitz Science Park und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg den ersten OPEN AGENTATHON durchgeführt. Das Pilotformat brachte über 70 Teilnehmende in einem kompakten Online-Setting zusammen, mit einem klaren Ziel: in kurzer Zeit konkrete KI-Agenten-Prototypen entwickeln, testen und vorstellen.

Die Grundidee war bewusst einfach gehalten: Menschen aus unterschiedlichen Bereichen kommen online zusammen, erhalten einen kurzen thematischen Impuls und arbeiten anschließend mehrere Stunden an eigenen Anwendungsfällen. Im Mittelpunkt stand das praktische Ausprobieren, jenseits von Frontalvorträgen und reinen Tool-Demonstrationen. Use Cases, Tools, Kopfzerbrechen und Aha-Momente sollten an einem Vormittag nebeneinander Platz haben.

Ein Format für Praxis statt Theorie

Der OPEN AGENTATHON war als niedrigschwelliger Experimentierraum angelegt. Teams konnten mit ihren eigenen Tools arbeiten oder auf bereitgestellte Umgebungen zurückgreifen. Dafür wurden Instanzen von n8n und Open WebUI gehostet, um auch Teilnehmenden ohne eigene Infrastruktur einen schnellen Einstieg zu ermöglichen. Genau dieser pragmatische Zugang erwies sich im Pilot als besonders wertvoll: Ins Machen kommen, statt theoretische Debatten über KI-Agenten zu führen. Das entspricht auch der Zielrichtung von AI2E, generative KI in konkrete Anwendung und verantwortungsvolle Praxis zu überführen.

Teilnehmende und Zoomfenster während des ersten OPEN AGENTATHON
Über 70 Personen aus unterschiedlichen Organisationen arbeiteten beim Pilotformat gemeinsam an KI-Agenten und präsentierten ihre Ergebnisse online.

Heterogene Teams, vielfältige Ideen

Besonders bemerkenswert war die Vielfalt der Teilnehmenden. Vertreten waren Personen aus Schleswig-Holstein, aus dem Umfeld der BTU Cottbus-Senftenberg und des Lausitz Science Park, aus Unternehmen wie simpleclub und AstraZeneca, aus öffentlichen Institutionen wie dem RKW Sachsen, aus Hochschulen wie dem Karlsruher Institut für Technologie sowie aus Gründungsprojekten. Sogar Zuschaltungen aus der Schweiz und Australien waren dabei. Diese Heterogenität hat sich als zentraler Erfolgsfaktor des Formats erwiesen.

Denn auch das Verständnis davon, was ein „Agent" ist, fiel sehr unterschiedlich aus: Für einige Teams standen Automatisierungs-Workflows in n8n im Mittelpunkt, andere entwickelten Assistenzsysteme mit Wissensspeicher in Open WebUI. Wieder andere dachten in Richtung Recherche, Storytelling, Beratung oder Community-Management. Gerade diese Vielfalt machte die Diskussionen produktiv und zeigte, wie breit das Anwendungsspektrum agentischer Systeme inzwischen geworden ist.

23 Pitches als positives Signal

Am Ende des intensiven Vormittags präsentierten 23 Gruppen ihre Ergebnisse in kompakten Pitches. Für ein neues Online-Format mit bewusst experimentellem Charakter ist das ein starkes Ergebnis. Es zeigt: Das Interesse an KI-Agenten ist groß, und der Wunsch, diese Technologien gemeinsam auszuprobieren, wächst spürbar. Genau diese Dynamik ist auch für die Weiterentwicklung von AI2E relevant, insbesondere mit Blick auf künftige Formate zu AI Leadership, agentischen Systemen und innovationsorientierter Gründungsförderung.

Ein Agenten-Workflow in n8n aus der Arbeitsphase des OPEN AGENTATHON
Im Pilotformat entstanden konkrete Prototypen, die zeigten, wie sich KI-Agenten für Recherche, Automatisierung und Assistenz einsetzen lassen.

Was wir aus dem Pilot mitnehmen

Der erste OPEN AGENTATHON hat vor allem eines deutlich gemacht: Das Bedürfnis nach praktischem Austausch rund um KI-Agenten ist groß. Viele Teilnehmende bringen bereits konkrete Fragestellungen aus ihrem beruflichen Alltag mit und suchen nach Formaten, in denen sie Ideen testen, Tools vergleichen und gemeinsam Lösungen entwickeln können.

Gleichzeitig wurde sichtbar, dass solche Formate bewusst gestaltet werden müssen. Wie viel Input braucht es zu Beginn? Welche Tools sollten vorkonfiguriert sein? Wie viel Komplexität ist in einem kompakten Online-Format sinnvoll? Gerade diese Fragen machen den Reiz eines Pilotlaufs aus. Sie helfen dabei, Formate weiterzuentwickeln, die technologisch spannend und didaktisch tragfähig sind.

Ausblick

Umgesetzt wurde der Pilot gemeinsam mit Kevin Hildebrandt von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und dem Team des Lausitz Science Park. Danke für die gemeinsame Vorbereitung und den reibungslosen Ablauf.

Der OPEN AGENTATHON war ein Pilot, wird aber sicher kein Einzelfall bleiben. In welcher Form sich das Format weiterentwickelt, zeigt sich in den kommenden Monaten.