90 Mitarbeitende, 6 Hallen, ein Private-Label-Pionier: GenAI-Transfer bei Oxytabs

von ZGKI-Redaktion | März 2026

Das Team von Oxytabs und KI.SH nach dem gemeinsamen Promptathon in Rendsburg, März 2026.

Promptathon KMU-Transfer Change Framework

90 Mitarbeitende, 6 Hallen, ein Private-Label-Pionier: GenAI-Transfer bei Oxytabs

Ein Produktionsunternehmen aus Rendsburg, das sein Geschäft seit Jahrzehnten ohne aktiven Vertrieb stemmt. Kann generative KI dort Mehrwert stiften, wo 90 % des Umsatzes aus Stammkundenbeziehungen kommen? Ein Bericht aus unserem Promptathon vor Ort.

Es gibt Unternehmen, bei denen man die Geschichte im Flur lesen kann. Oxytabs in Rendsburg ist so eines. 90 Mitarbeitende, verteilt auf sechs Hallen. Der älteste Kunde arbeitet seit rund 30 Jahren mit dem Haus zusammen. Rund 90 Prozent des Umsatzes entstehen mit Kunden, die länger als zehn Jahre dabei sind. Neukunden kommen über Anfragen, nicht über Akquise. Hier läuft etwas sehr richtig.

Für ein Unternehmen mit dieser Stabilität steht beim Thema generative KI eine klare Leitfrage im Raum: Wo kann KI im Alltag entlasten, ohne die bewährte Kundenbeziehung zu verdünnen? Mit dieser Haltung sind wir mit Dr. Eike J. Meyer, Maximilian Behrens und Darren Yeo aus dem KI.SH-Team, gemeinsam mit Ole Neitzel, für einen Promptathon im Rahmen unseres ZGKI Change Frameworks zu Oxytabs gefahren.


Das Unternehmen: Private Label als Komplettpaket

Oxytabs kauft Verpackungsmaterial und Rohstoffe ein, mischt im eigenen Haus, verpackt, stellt versandfertig auf Palette bereit. Eigenleistung über die gesamte Wertschöpfungskette. Das Angebot an Kunden wie beispielsweise Jura in der Kaffeemaschinen-Welt ist bewusst radikal einfach: „Wir liefern das Komplettpaket, ihr übernehmt den Vertrieb." Dazu kommen tierische Futterergänzungsmittel als zweite Produktlinie.

Die Struktur ist typisch für einen gewachsenen Mittelständler: Labor, Qualitätskontrolle, Verwaltung, Produktion, Technik, jede Abteilung relativ eigenständig. Projektmanagement übernimmt die Koordination zwischen Entwicklung, Produktion und Technik, wenn größere Themen anstehen. Eine Prozessdokumentation gibt es, das Wissensmanagement läuft aber weniger über ein zentrales Wiki als über Vorgesetzte, Laufzettel und gelebte Praxis.

IT-seitig ist einiges in Bewegung: Der IT-Dienstleister wurde gewechselt, die Umstellung von Igel-Terminals auf Cloud und Laptop-Ausstattung läuft, die Angebotsverarbeitung soll von Excel nach SAGE wandern, Office 365 kommt, Remote-Arbeit wird ausgebaut. Ein guter Moment, um GenAI direkt in die neue IT-Landschaft mitzudenken, statt sie später nachträglich aufzusatteln.


Der Ausgangspunkt: ehrlich statt euphorisch

Bevor wir in die Use Cases gegangen sind, haben wir gemeinsam mit Thies Reick und dem Team ein Assessment gemacht, Teil unseres ZGKI Change Frameworks. Das Ergebnis war angenehm klar: KI ist im Unternehmen bisher kein etabliertes Thema. Die IT-Affinität ist branchen­typisch eher durchschnittlich. Die Offenheit, sich mit „neuen" digitalen Themen zu beschäftigen, ist da, aber nicht überall gleich stark ausgeprägt.

Die Geschäftsführung arbeitet selbst bereits mit ChatGPT, Gemini und Perplexity, lässt sich Zusammenfassungen erstellen und hat ein OpenAI-Plus-Abo. Erste Einsatzfelder werden in Labor und Verwaltung gesehen. Und es gibt die Bereitschaft, feste Budgets sowie personelle Ressourcen bereitzustellen.

Kommunikation ist das A und O, das ist ganz klar. Thies Reick, Oxytabs GmbH

Dieser Satz ist für uns im Change Framework Gold wert. Ein Unternehmen, das Kommunikation bereits als zentralen Hebel versteht, ist für KI-Transfer deutlich besser aufgestellt als eines, das Veränderung über Ansagen steuert.


Die Use Cases: da, wo der Alltag hakt

Beim Use-Case-Workshop haben wir bewusst zwei Anwendungsfälle ausgewählt, die wenig spektakulär klingen, aber bei einem Private-Label-Pionier wie Oxytabs einen echten Unterschied machen:

Die beiden priorisierten Use Cases

  • Kundenpräsentationen im Rahmen der Produktentwicklung: Wenn Oxytabs die gesamte Produktentwicklung für einen Kunden übernimmt, muss die Präsentation am Ende mehr können als „sieht gut aus". Sie ist Verkaufs­dokument, Abstimmungsbasis und Arbeitsgrundlage in einem.
  • Bedienungsanleitungen für Endkunden: Inklusive Diagramme, Bilder und verständlicher Sprache: ein Dauerbrenner in jeder Produktionsabteilung und ein klassisches Feld, in dem GenAI in kurzer Zeit sichtbaren Mehrwert liefern kann.

Beide Use Cases haben wir in gemischten Kleingruppen bearbeitet. Der Rhythmus: kurzer Pitch, Gruppenbildung, praktisches Arbeiten mit aktuellen Tools, Kurzpräsentationen, Feedback. In kürzester Zeit entstanden erstaunlich konkrete Ergebnisse und deutlich mehr Fragen, als wir gemeinsam am Tag beantworten konnten. Das ist das gute Zeichen.


Was wir aus Rendsburg mitnehmen

Ein stabiles Geschäftsmodell schafft Spielraum. Oxytabs steht wirtschaftlich solide da und kann den KI-Einsatz entsprechend ruhig und qualitätsorientiert angehen, ohne dem nächsten Hype hinterherzulaufen.

Kommunikationskultur ist der härteste Vorsprung. Ein Mittelständler, in dem man „über alles sprechen kann" und nach Fehlern gemeinsam Lessons Learned zieht, hat beim Thema KI deutlich bessere Karten als technisch weiter fortgeschrittene Unternehmen mit rigider Hierarchie.

Enablement braucht Geduld und Nähe. Bei einer durchschnittlichen IT-Affinität bringt kein Masterplan so viel wie kontinuierliche, kleine Lerngelegenheiten in der eigenen Arbeitsumgebung: im Labor, im Einkauf, in der Auftragsabwicklung. Der interne Chatbot, den Thies Reick perspektivisch plant, kann genau das leisten.


Warum wir Promptathons im Unternehmen machen

Im Zukunftslabor Generative KI geht es uns um nachhaltigen Transfer, nicht um Show-Effekte. Ein Promptathon im eigenen Haus ist dafür das stärkste Format, das wir kennen: Er bringt Menschen aus unterschiedlichen Abteilungen zusammen, legt reale Arbeitsprobleme auf den Tisch und zeigt, wie KI-Tools im Alltag helfen können, ohne sie zu romantisieren.

Vielen Dank an Thies Reick und alle Teilnehmenden bei Oxytabs für die Offenheit, die Gastfreundschaft und den erfolgreichen Promptathon. Wir freuen uns auf das, was daraus wird, und sind gespannt, welche Use Cases es vom Workshop-Whiteboard in den echten Arbeitsalltag schaffen.

Sie sind KMU in Schleswig-Holstein und denken darüber nach, einen Promptathon im eigenen Haus durchzuführen? Meldet euch gern. Wir bringen das Framework, ihr bringt die Themen, die bei euch wirklich zählen.

Event Pilotformat November 2025

70+ Menschen, 23 Agenten, vier Stunden: der erste OPEN AGENTATHON

Am 17. November 2025 hat das Zukunftslabor Generative KI gemeinsam mit dem Lausitz Science Park und der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg den ersten OPEN AGENTATHON durchgeführt. Das Pilotformat brachte über 70 Teilnehmende in einem kompakten Online-Setting zusammen, mit einem klaren Ziel: in kurzer Zeit konkrete KI-Agenten-Prototypen entwickeln, testen und vorstellen.

Die Grundidee war bewusst einfach gehalten: Menschen aus unterschiedlichen Bereichen kommen online zusammen, erhalten einen kurzen thematischen Impuls und arbeiten anschließend mehrere Stunden an eigenen Anwendungsfällen. Im Mittelpunkt stand das praktische Ausprobieren, jenseits von Frontalvorträgen und reinen Tool-Demonstrationen. Use Cases, Tools, Kopfzerbrechen und Aha-Momente sollten an einem Vormittag nebeneinander Platz haben.

Ein Format für Praxis statt Theorie

Der OPEN AGENTATHON war als niedrigschwelliger Experimentierraum angelegt. Teams konnten mit ihren eigenen Tools arbeiten oder auf bereitgestellte Umgebungen zurückgreifen. Dafür wurden Instanzen von n8n und Open WebUI gehostet, um auch Teilnehmenden ohne eigene Infrastruktur einen schnellen Einstieg zu ermöglichen. Genau dieser pragmatische Zugang erwies sich im Pilot als besonders wertvoll: Ins Machen kommen, statt theoretische Debatten über KI-Agenten zu führen. Das entspricht auch der Zielrichtung von AI2E, generative KI in konkrete Anwendung und verantwortungsvolle Praxis zu überführen.

Teilnehmende und Zoomfenster während des ersten OPEN AGENTATHON
Über 70 Personen aus unterschiedlichen Organisationen arbeiteten beim Pilotformat gemeinsam an KI-Agenten und präsentierten ihre Ergebnisse online.

Heterogene Teams, vielfältige Ideen

Besonders bemerkenswert war die Vielfalt der Teilnehmenden. Vertreten waren Personen aus Schleswig-Holstein, aus dem Umfeld der BTU Cottbus-Senftenberg und des Lausitz Science Park, aus Unternehmen wie simpleclub und AstraZeneca, aus öffentlichen Institutionen wie dem RKW Sachsen, aus Hochschulen wie dem Karlsruher Institut für Technologie sowie aus Gründungsprojekten. Sogar Zuschaltungen aus der Schweiz und Australien waren dabei. Diese Heterogenität hat sich als zentraler Erfolgsfaktor des Formats erwiesen.

Denn auch das Verständnis davon, was ein „Agent" ist, fiel sehr unterschiedlich aus: Für einige Teams standen Automatisierungs-Workflows in n8n im Mittelpunkt, andere entwickelten Assistenzsysteme mit Wissensspeicher in Open WebUI. Wieder andere dachten in Richtung Recherche, Storytelling, Beratung oder Community-Management. Gerade diese Vielfalt machte die Diskussionen produktiv und zeigte, wie breit das Anwendungsspektrum agentischer Systeme inzwischen geworden ist.

23 Pitches als positives Signal

Am Ende des intensiven Vormittags präsentierten 23 Gruppen ihre Ergebnisse in kompakten Pitches. Für ein neues Online-Format mit bewusst experimentellem Charakter ist das ein starkes Ergebnis. Es zeigt: Das Interesse an KI-Agenten ist groß, und der Wunsch, diese Technologien gemeinsam auszuprobieren, wächst spürbar. Genau diese Dynamik ist auch für die Weiterentwicklung von AI2E relevant, insbesondere mit Blick auf künftige Formate zu AI Leadership, agentischen Systemen und innovationsorientierter Gründungsförderung.

Ein Agenten-Workflow in n8n aus der Arbeitsphase des OPEN AGENTATHON
Im Pilotformat entstanden konkrete Prototypen, die zeigten, wie sich KI-Agenten für Recherche, Automatisierung und Assistenz einsetzen lassen.

Was wir aus dem Pilot mitnehmen

Der erste OPEN AGENTATHON hat vor allem eines deutlich gemacht: Das Bedürfnis nach praktischem Austausch rund um KI-Agenten ist groß. Viele Teilnehmende bringen bereits konkrete Fragestellungen aus ihrem beruflichen Alltag mit und suchen nach Formaten, in denen sie Ideen testen, Tools vergleichen und gemeinsam Lösungen entwickeln können.

Gleichzeitig wurde sichtbar, dass solche Formate bewusst gestaltet werden müssen. Wie viel Input braucht es zu Beginn? Welche Tools sollten vorkonfiguriert sein? Wie viel Komplexität ist in einem kompakten Online-Format sinnvoll? Gerade diese Fragen machen den Reiz eines Pilotlaufs aus. Sie helfen dabei, Formate weiterzuentwickeln, die technologisch spannend und didaktisch tragfähig sind.

Ausblick

Umgesetzt wurde der Pilot gemeinsam mit Kevin Hildebrandt von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und dem Team des Lausitz Science Park. Danke für die gemeinsame Vorbereitung und den reibungslosen Ablauf.

Der OPEN AGENTATHON war ein Pilot, wird aber sicher kein Einzelfall bleiben. In welcher Form sich das Format weiterentwickelt, zeigt sich in den kommenden Monaten.