90 Mitarbeitende, 6 Hallen, ein Private-Label-Pionier: GenAI-Transfer bei Oxytabs
Ein Produktionsunternehmen aus Rendsburg, das sein Geschäft seit Jahrzehnten ohne aktiven Vertrieb stemmt. Kann generative KI dort Mehrwert stiften, wo 90 % des Umsatzes aus Stammkundenbeziehungen kommen? Ein Bericht aus unserem Promptathon vor Ort.
Es gibt Unternehmen, bei denen man die Geschichte im Flur lesen kann. Oxytabs in Rendsburg ist so eines. 90 Mitarbeitende, verteilt auf sechs Hallen. Der älteste Kunde arbeitet seit rund 30 Jahren mit dem Haus zusammen. Rund 90 Prozent des Umsatzes entstehen mit Kunden, die länger als zehn Jahre dabei sind. Neukunden kommen über Anfragen, nicht über Akquise. Hier läuft etwas sehr richtig.
Für ein Unternehmen mit dieser Stabilität steht beim Thema generative KI eine klare Leitfrage im Raum: Wo kann KI im Alltag entlasten, ohne die bewährte Kundenbeziehung zu verdünnen? Mit dieser Haltung sind wir mit Dr. Eike J. Meyer, Maximilian Behrens und Darren Yeo aus dem KI.SH-Team, gemeinsam mit Ole Neitzel, für einen Promptathon im Rahmen unseres ZGKI Change Frameworks zu Oxytabs gefahren.
Das Unternehmen: Private Label als Komplettpaket
Oxytabs kauft Verpackungsmaterial und Rohstoffe ein, mischt im eigenen Haus, verpackt, stellt versandfertig auf Palette bereit. Eigenleistung über die gesamte Wertschöpfungskette. Das Angebot an Kunden wie beispielsweise Jura in der Kaffeemaschinen-Welt ist bewusst radikal einfach: „Wir liefern das Komplettpaket, ihr übernehmt den Vertrieb." Dazu kommen tierische Futterergänzungsmittel als zweite Produktlinie.
Die Struktur ist typisch für einen gewachsenen Mittelständler: Labor, Qualitätskontrolle, Verwaltung, Produktion, Technik, jede Abteilung relativ eigenständig. Projektmanagement übernimmt die Koordination zwischen Entwicklung, Produktion und Technik, wenn größere Themen anstehen. Eine Prozessdokumentation gibt es, das Wissensmanagement läuft aber weniger über ein zentrales Wiki als über Vorgesetzte, Laufzettel und gelebte Praxis.
IT-seitig ist einiges in Bewegung: Der IT-Dienstleister wurde gewechselt, die Umstellung von Igel-Terminals auf Cloud und Laptop-Ausstattung läuft, die Angebotsverarbeitung soll von Excel nach SAGE wandern, Office 365 kommt, Remote-Arbeit wird ausgebaut. Ein guter Moment, um GenAI direkt in die neue IT-Landschaft mitzudenken, statt sie später nachträglich aufzusatteln.
Der Ausgangspunkt: ehrlich statt euphorisch
Bevor wir in die Use Cases gegangen sind, haben wir gemeinsam mit Thies Reick und dem Team ein Assessment gemacht, Teil unseres ZGKI Change Frameworks. Das Ergebnis war angenehm klar: KI ist im Unternehmen bisher kein etabliertes Thema. Die IT-Affinität ist branchentypisch eher durchschnittlich. Die Offenheit, sich mit „neuen" digitalen Themen zu beschäftigen, ist da, aber nicht überall gleich stark ausgeprägt.
Die Geschäftsführung arbeitet selbst bereits mit ChatGPT, Gemini und Perplexity, lässt sich Zusammenfassungen erstellen und hat ein OpenAI-Plus-Abo. Erste Einsatzfelder werden in Labor und Verwaltung gesehen. Und es gibt die Bereitschaft, feste Budgets sowie personelle Ressourcen bereitzustellen.
Kommunikation ist das A und O, das ist ganz klar. Thies Reick, Oxytabs GmbH
Dieser Satz ist für uns im Change Framework Gold wert. Ein Unternehmen, das Kommunikation bereits als zentralen Hebel versteht, ist für KI-Transfer deutlich besser aufgestellt als eines, das Veränderung über Ansagen steuert.
Die Use Cases: da, wo der Alltag hakt
Beim Use-Case-Workshop haben wir bewusst zwei Anwendungsfälle ausgewählt, die wenig spektakulär klingen, aber bei einem Private-Label-Pionier wie Oxytabs einen echten Unterschied machen:
Die beiden priorisierten Use Cases
- Kundenpräsentationen im Rahmen der Produktentwicklung: Wenn Oxytabs die gesamte Produktentwicklung für einen Kunden übernimmt, muss die Präsentation am Ende mehr können als „sieht gut aus". Sie ist Verkaufsdokument, Abstimmungsbasis und Arbeitsgrundlage in einem.
- Bedienungsanleitungen für Endkunden: Inklusive Diagramme, Bilder und verständlicher Sprache: ein Dauerbrenner in jeder Produktionsabteilung und ein klassisches Feld, in dem GenAI in kurzer Zeit sichtbaren Mehrwert liefern kann.
Beide Use Cases haben wir in gemischten Kleingruppen bearbeitet. Der Rhythmus: kurzer Pitch, Gruppenbildung, praktisches Arbeiten mit aktuellen Tools, Kurzpräsentationen, Feedback. In kürzester Zeit entstanden erstaunlich konkrete Ergebnisse und deutlich mehr Fragen, als wir gemeinsam am Tag beantworten konnten. Das ist das gute Zeichen.
Was wir aus Rendsburg mitnehmen
Ein stabiles Geschäftsmodell schafft Spielraum. Oxytabs steht wirtschaftlich solide da und kann den KI-Einsatz entsprechend ruhig und qualitätsorientiert angehen, ohne dem nächsten Hype hinterherzulaufen.
Kommunikationskultur ist der härteste Vorsprung. Ein Mittelständler, in dem man „über alles sprechen kann" und nach Fehlern gemeinsam Lessons Learned zieht, hat beim Thema KI deutlich bessere Karten als technisch weiter fortgeschrittene Unternehmen mit rigider Hierarchie.
Enablement braucht Geduld und Nähe. Bei einer durchschnittlichen IT-Affinität bringt kein Masterplan so viel wie kontinuierliche, kleine Lerngelegenheiten in der eigenen Arbeitsumgebung: im Labor, im Einkauf, in der Auftragsabwicklung. Der interne Chatbot, den Thies Reick perspektivisch plant, kann genau das leisten.
Warum wir Promptathons im Unternehmen machen
Im Zukunftslabor Generative KI geht es uns um nachhaltigen Transfer, nicht um Show-Effekte. Ein Promptathon im eigenen Haus ist dafür das stärkste Format, das wir kennen: Er bringt Menschen aus unterschiedlichen Abteilungen zusammen, legt reale Arbeitsprobleme auf den Tisch und zeigt, wie KI-Tools im Alltag helfen können, ohne sie zu romantisieren.
Vielen Dank an Thies Reick und alle Teilnehmenden bei Oxytabs für die Offenheit, die Gastfreundschaft und den erfolgreichen Promptathon. Wir freuen uns auf das, was daraus wird, und sind gespannt, welche Use Cases es vom Workshop-Whiteboard in den echten Arbeitsalltag schaffen.
Sie sind KMU in Schleswig-Holstein und denken darüber nach, einen Promptathon im eigenen Haus durchzuführen? Meldet euch gern. Wir bringen das Framework, ihr bringt die Themen, die bei euch wirklich zählen.
