Fakten, Fakes und Fiktion: Wenn drei Professorinnen sich selbst von der KI spiegeln lassen
Fünf Jahre nach ihrem Originalbeitrag drehen Inga Pollmeier, Doris Weßels und Anja Wiebusch das Experiment um: Sie lassen sich von Gemini 3 Pro selbst „faken" und fragen, was das für Hochschullehre, Prüfungskultur und das eigene Selbstverständnis bedeutet.
Am 23. Februar 2026 ist in Die neue Hochschule (DNH), Ausgabe 1/2026, ein neuer Aufsatz von Prof. Dr. Inga Pollmeier (HRW), Prof. Dr. Anja Wiebusch (HAW Kiel) und unserer wissenschaftlichen Leiterin Prof. Dr. Doris Weßels erschienen: „Fakten, Fakes und Fiktion: Zwischen Täuschung und Erkenntnis" (S. 26-29).
Der Beitrag setzt eine 2020er-Arbeit derselben Autorinnen fort. Damals mussten sie KI-generierte Fake-Expert:innen mühsam selbst zusammenbauen. Fünf Jahre später ist die Richtung eine andere: Sie lassen sich vom aktuellen Stand der Sprachmodelle selbst faken und analysieren das Ergebnis.
Der Selbstversuch: KI schlüpft in drei Professorinnen-Rollen
Die Autorinnen haben Googles Gemini 3 Pro im Thinking Mode mit öffentlich verfügbaren Informationen über sich gespeist und die KI in ihre jeweiligen Rollen schlüpfen lassen. Sie sollte zwei Fragen beantworten: Welche Entwicklungen in der Hochschullehre haben sie rückblickend seit ChatGPT besonders positiv oder negativ überrascht, und welche Auswirkungen erwarten sie in den nächsten fünf Jahren?
Das Ergebnis: ein KI-generiertes Fremdbild, das statistisch plausibel zu den jeweiligen Fachprofilen passt, Individuen aber nur dann treffend charakterisiert, wenn zuvor genügend öffentlich verfügbare Information existierte.
Die drei KI-Rollen im Überblick
- Doris Weßels (Vision, Prüfungskultur, Schreibkompetenz): Weg von der Ergebnisprüfung (fertiger Text), hin zur Prozessprüfung (Dialog mit der KI). Lehrende als Mentor:innen statt Korrektor:innen.
- Anja Wiebusch (Finanzierung, Geschäftsmodelle, Kompetenzen): Warnung vor „Kompetenz-Illusion" bei Studierenden. „Financial Data Literacy" und Interpretation von KI-Prognosen werden die eigentliche Lehraufgabe.
- Inga Pollmeier (Produktion, Logistik, Wissenschaftliches Arbeiten): Verlagerung von schriftlichen Prüfungen hin zu mündlichen Verteidigungen und Praxisprojekten. Orchestrierung und Validierung von KI-Systemen als Kernkompetenz.
Die zentrale Frage
Aus dem Experiment entwickeln die drei Autorinnen die Frage, die den ganzen Aufsatz trägt:
„Wohin wird uns der Weg des Human-AI-Hybrid führen, wenn wir die Synergien der Mensch-Maschine-Interaktion nutzen wollen?" Pollmeier, Weßels, Wiebusch in der DNH 1/2026
Dahinter steht eine persönliche Spannungsfrage, die viele Lehrende heute im Stillen umtreibt:
„Welchen Mehrwert kann ich meinen Studierenden dann noch als ‚echte' menschliche Lernbegleiterin geben?" Pollmeier, Weßels, Wiebusch in der DNH 1/2026
Stehen schriftliche Prüfungen vor dem Aus?
Besonders diskussionsstark ist die Einordnung zu Seminar- und Abschlussarbeiten. In wirtschafts- und geisteswissenschaftlichen Fachkreisen wird das Format zunehmend in Frage gestellt. Ingenieurwissenschaften, die experimentell an neuen Lösungen arbeiten, sind weniger betroffen.
Die Beobachtung aus der Lehrpraxis ist ambivalent: Studentische Hausarbeiten sind in den letzten fünf Jahren formal und optisch hochwertiger geworden. Gleichzeitig können viele Studierende ihre eigenen Arbeiten nicht mehr frei präsentieren oder auf inhaltliche Rückfragen antworten. Die Autorinnen verweisen auf das Diskussionspapier des Hochschulforums Digitalisierung (Weßels, Bils, Budde 2025) und plädieren für einen intensiveren Diskurs zwischen Lehrkräften, damit ein gemeinsames Vorgehensmodell entsteht.
Deskilling, Newskilling und die neue Rolle der Lehrenden
Der Beitrag ordnet die aktuelle Praxis zwischen zwei Polen ein: Cognitive Offloading (Gerlich 2025) als Risiko auf der einen Seite, emergente Kompetenzverschiebungen im Sinne des Newskilling auf der anderen. Entscheidend ist, wer den Wandel aktiv gestaltet.
Dass dieses Zukunftsbild bereits Teil der Gegenwart ist, zeigen konkrete Beispiele: Die AKAD University Stuttgart hat mit „Professor Valters" europaweit erstmals einen KI-Professor berufen, einen digitalen Zwilling eines lettischen Hochschulprofessors, der Vorlesungen halten darf, aber keine Noten vergeben. Andrew Maynard von der Arizona State University hat im Februar 2025 in einem Selbstversuch gezeigt, dass sich mit KI-Unterstützung ein 400-seitiger Dissertationsentwurf in vier Tagen erstellen lässt.
Das Fazit der Autorinnen ist weder technik-euphorisch noch alarmistisch. Der Weg zum Human-AI-Hybrid ist erkennbar und wird Zeit brauchen. Lehrende müssen sich ihrer menschlichen Stärken bewusster werden und den Wert der Beziehungsarbeit mit Lernenden sichtbar machen, als Coach, Motivator:in und Lernbegleiter:in.
Die Brücke zum Transfer in Wirtschaft und Verwaltung
Dass wir aus dem Zukunftslabor Generative KI diesen Aufsatz mitgestalten, ist kein Zufall. Die Fragen, die Pollmeier, Weßels und Wiebusch für die Hochschullehre durchdeklinieren, treffen exakt jene Themen, mit denen wir im KI-Transfer in KMU, Verwaltungen und Forschungseinrichtungen arbeiten: Welche menschlichen Stärken bleiben wertvoll, wenn KI-Agenten Routineaufgaben übernehmen? Wie sieht Prüfkultur und Qualitätssicherung in Organisationen aus, in denen KI-Output zum Alltag gehört? Und welches Rollenbild brauchen Führungskräfte dafür?
Der vollständige Beitrag ist als Open-Access-Version abrufbar: Fakten, Fakes und Fiktion: Zwischen Täuschung und Erkenntnis (DOI).
